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Es scheint, als sei die letzte Metro für den Metrosexuellen abgefahren. Sogar seine beiden Mütter und sein Vater wollen nichts mehr von ihm wissen: Als die Trendforscher Marian Salzman, Ira Matathia und Ann O'Reilly im Jahre 2003 den Metrosexuellen entdeckten, lösten sie damit einen weltweiten Medienrummel aus. Doch in ihrem neuen Buch "The Future of Men" verabschieden sie sich von ihrer eigenen Schöpfung und propagieren statt dessen schon wieder ein anderes Männerbild: den Übersexuellen. Dieser immer schnellere Wechsel von Schlagworten und Erklärungen ist eine Reaktion auf die unübersehbare Krise des männlichen Rollenverständnisses.
Bei allen Experten gilt der Mann seit einiger Zeit als das Rußland unter den Geschlechtern: Sein Machtanspruch beruht nur noch darauf, daß er sich am in der Vergangenheit zusammengerafften Territorium festkrallt, und das einzige Produkt, das er auf dem Markt der Paarbeziehungen anbieten kann, sind natürliche Rohstoffe - Sperma und jene Form behaarter Körperlichkeit, auf die die meisten Frauen nicht verzichten möchten. Obendrein belegen Statistiken, daß Männer weltweit ungesünder leben als Frauen, daß sie früher sterben, mehr trinken, mehr Verbrechen begehen, häufiger morden und häufiger ermordet werden. Bei ihnen herrschen also wirklich fast so apokalyptische Zustände wie im Rußland von heute.
Die Krise des Mannes geht einher mit einem Raumgewinn der Frauen: Traditionell brauchten sie den Mann als Beschützer, Ernährer und zur Fortpflanzung. Doch seit nicht mehr täglich mit Überfällen von Mongolen und Wikingern zu rechnen ist, reicht ihnen der Schutz, den Polizei und die zivilisierte Gesellschaft bieten. Und seitdem die moderne Technologie schiere Muskelkraft in vielen Berufen überflüssig gemacht hat, haben Männer ihren größten Wettbewerbsvorteil auf dem Arbeitsmarkt eingebüßt. Je mehr Frauen einen Beruf ausüben, desto weniger brauchen sie einen Ernährer. Und bald könnten die Fortschritte der Biotechnik den Mann auch als Erzeuger überflüssig machen.
Die Männer haben auf die Zerstörung der alten Rollenbilder höchst unterschiedlich reagiert. Ein Teil spielte in den letzten Jahrzehnten mit Lebenspraktiken, die bisher den Frauen vorbehalten waren: Erst entdeckten die "Softies", daß Männer auch Gefühle haben. Dann wurde der "Metrosexuelle" die Sensation des jungen Jahrtausends: ein Mann, der mehr Schuhe besitzt als seine Freundin und mehr Sonnenbrillen als Elton John. Er geht zum "Stylisten" und zur Maniküre. Er rasiert sich nicht nur das Gesicht, sondern benutzt Enthaarungswachs sogar an Stellen, die sich "richtige" Männer früher noch nicht einmal gewaschen haben. Er besitzt mehr Kosmetikprodukte, als in einen altmodischen Badezimmerschrank passen, und er will sie auch gar nicht darin verstecken. Er empfindet Boutiquen nicht mehr als Folterkeller. Er kann sogar aus einem leeren Kühlschrank Meeresfrüchterisotto mit Ingwer und Thymian herbeizaubern. Und er ist trotzdem nicht schwul.
Doch all das blieb immer beschränkt auf eine schmale Schicht städtischer Trendsetter. Die große Mehrheit der unmodernen Männer reagierte hingegen mit einer grotesken Überbetonung traditioneller Attribute. Nach dem Motto: "Wenn schon meine Bedeutung schrumpft, dann sollen wenigstens meine Muskeln, meine Autos und die Brüste der Frauen immer größer werden." Noch vor 30 Jahren war das Wort "Macho" hierzulande fast unbekannt. Machismo war eine Verrücktheit jener Südländer, die bei den Nordeuropäern und US-Amerikanern immer als unmännliche Theatraliker galten. Und Body-Building war irgendwie schwul. Das hat sich komplett geändert. Deshalb klaffen heute die Wünsche von Männern und Frauen weiter auseinander als je zuvor: Bei einer US-Studie stellten sich die befragten Studenten den männlichen Idealkörper grundsätzlich mit zehn bis 15 Kilo mehr Muskeln vor, als es die Studentinnen taten. Die Autoren von "The Future of Men" (Verlag Palgrave Macmillan, 23,50 Euro) stellen fest: Junge Männer im Westen haben eine völlig fehlgeleitete Idee davon, wie sie aussehen sollten.
Als Ausweg aus all diesen Problemen haben Marian Salzman & Co ein neues Konzept erdacht: Die Zukunft, so behaupten sie, gehöre dem "Übersexuellen". Damit bezeichnen sie eine Gattung, die die Attraktivität traditioneller Männlichkeit auf harmonische Weise mit Eigenschaften und Vorlieben verbindet, die lange Zeit den Frauen vorbehalten waren. "Übersexuelle", so schreiben sie, "sind die (nicht nur körperlich) attraktivsten Männer ihrer Generation. Sie sind im höchsten Grade selbstsicher (aber keine Widerlinge), maskulin, stylish und wollen kompromißlose Qualität in allen Lebensbereichen."
Verglichen mit dem in seiner eigenen Eitelkeit gefangenen Metrosexuellen, legt der Übersexuelle mehr Wert auf Beziehungen. Er ist kein Sensibelchen, aber auch kein Egomane. Er kleidet sich nicht gut, um anderen zu gefallen, sondern weil es ihm gefällt, und er achtet dabei mehr auf einen überzeugenden persönlichen Stil, als den Moden hinterherzuhecheln. Er geht gern einkaufen, aber er tut es zielgerichtet, denn er hat Besseres zu tun, als sein Leben in Boutiquen zu vertrödeln. Er heißt George Clooney.
Der aufmerksame Leser merkt: Der neue Mann ist der alte - nur weiser. Er begreift die Zerstörung der klassischen Rollenmodelle nicht als Bedrohung, sondern als Chance. Er will nicht "seine weibliche Seite erkunden", aber er verachtet auch all die Zurückgebliebenen, die glauben, es sei unmännlich, zu kochen, Windeln zu wechseln, sich zu pflegen und eine Frau als gleichberechtigte Partnerin anzusehen. Wenn der Übersexuelle eine Familie gründet, möchte er viel Zeit mit den Kindern verbringen. Nicht weil er sich dem Druck des Feminismus beugt, sondern weil er glaubt, daß es für die Kinder besser ist, wenn sie ihren Vater nicht nur 15 Minuten am Tag sehen. Und weil es ihm Spaß macht.
Das Problem, das Salzman & Co mit ihrem Übersexuellen haben, ist allerdings nicht zu übersehen. Ihnen fehlt ein überzeugender "Poster-Boy" für ihre Thesen - so wie es der Fußballer David Beckham für den Metrosexuellen war. Sogar Clooney hat nur einen Teil der übersexuellen Eigenschaften. Und der schlechtfrisierte, tausendmal geschiedene, gierige US-Immobilienhai Donald Trump, den sie als zweites Beispiel nennen, stimmt sowenig mit ihrer Definition überein, daß es lachhaft ist. Der Übersexuelle bleibt also vorerst, was schon Nietzsches Übermensch war: mehr ein Ideal, das es anzustreben gilt, als ein Typus, der in der Zukunft zwangsläufig erscheinen wird. Seine Botschaft an die ver- unsicherten Männer von heute lautet: Wir müssen uns alle ändern, damit alles bleiben kann, wie es ist. |